Barbara Wendelken - Leseprobe

Leseprobe aus "Nur wer die Hölle kennt"

 

1997

Die Brandwunden verheilten langsam, die Verbände an Melodys Händen waren kleiner geworden und sie konnte die Finger wieder frei bewegen. Die weißen Moosröschen hatte eine Sozialarbeiterin besorgt, genau wie den schwarzen Mantel und die Schuhe, die ihr eine halbe Nummer zu klein waren und drückten.

 Zwei Meter vor ihr stand Wulf, er weinte so heftig, dass es seinen Körper schüttelte. Einmal sah es so aus, als würde er auf die Knie sinken, doch er fing sich wieder, machte sich ganz gerade und schippte Erde auf den Sarg, einmal, zweimal, dreimal, dabei schluchzte er den Namen ihrer toten Mutter, Verena. Erneut stieß er die Schaufel in den schwarzen Behälter mit der Erde, machte zwei Schritte zur Seite und ließ ein paar Krumen auf den winzigen Sarg ihres Bruders fallen, aber nur einmal, ein einziges schreckliches Mal. Anschließend legte er den Kopf in den Nacken und heulte wie ein Wolf.

 Es hörte sich schaurig an und passte überhaupt nicht zu Wulf, der normalerweise kaum den Mund aufkriegte. Als Nächstes drehte er sich um, sein Blick erfasste Melody und der Hass darin brannte auf ihren Wangen, als hätte er sie geohrfeigt.

 Drohend kam er auf sie zu, mit großen, stampfenden Schritten, und baute sich breitbeinig vor ihr auf.

 „Was willst du hier?!“ Er brüllte so laut, dass es über den Friedhof schallte: „Ich will sie nicht an den Gräbern sehen!“

 Hinter Melodys Rücken setzte verschämtes Gemurmel ein, so leise, dass sie kein Wort verstehen konnte, aber das war auch nicht nötig. Ihr war ohnehin klar, was die Leute über sie redeten. Nur wusste sie nicht, was sie anderes tun sollte, als hier stehen zu bleiben und das alles zu ertragen.

 Wulf ging nicht weiter, wie sie es insgeheim gehofft hatte, er trat noch einen Schritt näher und überschüttete sie mit übelsten Beschimpfungen.

 „Ich kann nichts dafür.“ Es kam ihr so vor, als würde sie seit Tagen nur diesen einen Satz wiederholen. „Ich kann nichts dafür.“

 Ihre Worte verhallten ungehört. Niemand stand ihr bei, das Dorf hatte sein Urteil gefällt, schon vor einer Woche, gleich nach dieser entsetzlichen Nacht. Melody gehörte nicht mehr dazu. Sie trug die Schuld an der Katastrophe, einer musste ja schuld sein, damit die anderen ihr Leben wieder ungestört aufnehmen konnten.

 Als Wulf Anstalten machte, sich mit seinen hundertzwanzig Kilo Körpermasse auf sie zu stürzen, tauchten die beiden Dorfpolizisten auf, Gerd Wiese und Henning Bremer. Sie fassten nach seinen Oberarmen, einer rechts und einer links, und führten ihn dorthin, wo seine Eltern und sein Bruder auf ihn warteten.

 Der Bruder nahm ihn in Empfang. „Beruhige dich, Wulf. Sie bleibt trotz allem ihre Tochter. Streit an ihrem offenen Grab hätte Verena nicht gewollt.“

 Wulf ließ sich von ihm fortziehen, aber nicht ohne ihr vorher einen verächtlichen Blick zuzuwerfen. Mörderin, er brauchte es nicht auszusprechen, sie konnte ihn auch so verstehen.

 Melody blieb allein zurück, drei Meter von den Gräbern entfernt. Sie konnte sich nicht rühren, stand einfach nur da, mit hängenden Armen, die Lippen fest aufeinandergepresst. Tränen rannen über ihr bleiches Gesicht, doch sie schaffte es nicht, die Hand zu heben und sie fortzuwischen. Gern hätte sie gewusst, wie viele Tränen ein Mensch weinen konnte, aber darauf gab es wohl keine Antwort.

 Eine Hand legte sich auf ihren Rücken, sie gehörte dem Pastor, der sie mit sanftem Druck vorwärts schob, bis sie direkt vor dem viereckigen Loch stand, das ausgekleidet war mit grünem Tuch, das wohl aussehen sollte wie ein Rasen. Unten stand der Sarg, geschmückt mit einem großen Gesteck aus roten Rosen. Der schwarze Talar des Pastors roch unangenehm muffig und Melody fragte sich, was mit ihr los war. Warum fielen ihr so unwichtige Dinge auf wie das grüne Tuch oder der strenge Geruch des Pastors. War sie ein schlechter Mensch, weil sie bei der Beerdigung ihrer Mutter über solche Nebensächlichkeiten nachdachte? Sie starrte auf die weißen Rosen in ihrer Hand, eine kleine Ewigkeit lang, bis der Pastor murmelte, dass sie jetzt die Blumen ins Grab fallen lassen sollte.

 Melody überlegte, wie viel Schwung es brauchte, drei weiße Rosen einen Meter nach vorn zu werfen, ohne dass es zornig wirkte oder trotzig. Am Ende zielte sie so schlecht, dass der Strauß nicht dort landete, wo sie es sich vorgestellt hatte, mitten auf dem Sarg, an besten direkt auf Wulfs blutroten Rosen, sondern so weit rechts, dass einer der Blütenköpfe über den Rand des Sargs hinausragte. 

 „Jetzt gehst du zu Michel“, murmelte der Pastor.

  Also machte sie einen Schritt zu Seite, und dann noch einen und noch einen und noch einen. Michels Grab lag vier Trippelschritte von dem ihrer Mutter entfernt. Mit leisem Schluchzen zog Melody einen winzigen Teddybären aus der Manteltasche. Ihr kleiner Bruder hatte Teddys geliebt und sein eigener war verbrannt. Michel, sie konnte gar nicht fassen, dass er dort unten in der kleinen Holzkiste liegen sollte. Eingesperrt. Am liebsten wäre sie runter in die Grube gesprungen, um sich zu vergewissern, dass sie ihm wirklich nicht mehr helfen konnte. Was für ein unsinniger Gedanke, Michel war tot. Michel, der sich im Dunkeln gefürchtet hatte, musste jetzt für immer in tiefster Finsternis bleiben.

 Unter den Blicken der riesigen Trauergemeinde, die meisten kannte sie nur vom Sehen, manche überhaupt nicht, flüchtete Melody sich zu der jungen Sozialarbeiterin, die so wirkte, als würde sie am liebsten weglaufen – ohne Melody.

 „Nimm es nicht persönlich“, flüsterte sie und dass es wohl besser wäre, jetzt zu gehen.

 Und so verließ die fünfzehnjährige Melody Bella Matzke den Friedhof und gleich darauf ihr Dorf und sie sollte erst viele Jahre später zurückkehren.