Barbara Wendelken - Mach was Böses

 

Blond, jung, tot – die Morde an zwei Joggerinnen in Bremen stellen Hauptkommissar Nikolai König und seine Kollegen vor ein Rätsel. Was treibt den »Drosselmörder«, wie die Presse ihn nennt, an? Warum platziert er die blonden Haare in den Mündern der Toten?

Unerwartet bekommt der Fall für Nikolai eine bedrohlich persönliche Wendung: Seine Ex-Freundin Finja Michaelis wird Zeugin eines weiteren Mordes. Obwohl das Vorgehen des Täters anders war als bei den beiden Joggerinnen, glaubt Nikolai, dass es eine Verbindung gibt. Als Psychologin könnte Finja sogar zusätzliche Hinweise geben. Aber dann verschwindet die Frau, die Nikolai immer noch liebt, spurlos …

 

 


Leseprobe:

Es zählt zu den sieben Todsünden eines Psychotherapeuten, dem Patienten nicht aufmerksam zuzuhören. Vor ihr sitzt Sebastian Krüger, der nicht über den Suizid seiner jüngeren Schwester wegkommt, obwohl dieser schon zwanzig Jahre zurückliegt. Der Mann öffnet ihr bereitwillig sein Herz und Finjas Gedanken kreisen ständig um ihre eigenen Probleme. Vielleicht sollte sie dem Rat ihrer Freundin Bea Folge leisten und selbst therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen, bevor ihr unprofessionelles Verhalten die ersten Patienten in die Flucht schlägt. Vor allem aber sollte sie sich jetzt auf ihren Patienten konzentrieren.
Herr Krüger ist einundvierzig, das hat sie vor der Stunde noch mal in der Akte nachgelesen, von Beruf Kaufmann, Näheres steht dort nicht, und er lebt seit einem Jahr in Trennung. Seit vielen Jahren leidet er an Schlafstörungen und neuerdings auch an unerklärlichen Ängsten. Seine Schwester hieß Annabell, den Namen seiner Frau hat er noch nie genannt.
Was hat Herr Krüger gerade gesagt? Finja könnte es nicht einmal ansatzweise benennen. Immerhin fällt ihr noch auf, dass er sie fragend anschaut und eine Reaktion erwartet. Rasch nickt sie und schenkt ihm ein aufmunterndes Lächeln. Hoffentlich hat er nicht gerade davon gesprochen, einen Mord zu begehen. Nein, natürlich nicht, was für ein Unsinn.
An ihrer Praxistür hängt ein Schild, auf das sie ziemlich stolz ist. Finja Michaelis, Psychologin und Psychotherapeutin. Darunter stehen die Sprechzeiten. Früher hat in diesen Räumen ihr Vater praktiziert, Dr. Bernd Michaelis, Facharzt für Kinderheilkunde. Finja hat die Praxis umgestaltet und ihren Ansprüchen angepasst. Helle, freundliche Farben wie Weiß, Vanillegelb und Apricot für das Zimmer, in dem sie die Erwachsenen empfängt; Weiß, Apfelgrün und Kornblumenblau für die beiden Räume, in denen sie mit Kindern arbeitet. Das ehemalige Labor und der Raum, in dem das Ultraschallgerät stand, sind bislang noch ungenutzt, sie denkt aber ernsthaft daran, zu erweitern und einen Kollegen mit in die Praxis zu nehmen, da sie ständig ausgebucht ist und potenzielle neue Klienten abweisen muss. Die Nachfrage nach psychotherapeutischer Unterstützung ist enorm und scheint permanent zu wachsen. Wir leben uns krank, hat kürzlich eine ihrer Kolleginnen gesagt, und Finja ist geneigt, ihr zuzustimmen.
Bei ihrer Arbeit wird sie von ihrer schokoladenbraunen Labradorhündin unterstützt. China, sie spricht den Namen englisch aus, also »tschaina«. Vorwiegend setzt sie den Hund bei der Arbeit mit Kindern oder Jugendlichen ein, da kann China wahre Wunder bewirken. Die meisten von Finjas minderjährigen Patienten leiden an Wahrnehmungsstörungen, sozial-emotionalen Auffälligkeiten oder Autismus in allen Erscheinungsformen, einige galten bereits als austherapiert. Doch der Hund ist in der Lage, Türen zu ihren Gedankenwelten zu öffnen, die jahrelang verschlossen waren.
Wir hatten die Hoffnung schon aufgegeben, wir erkennen unseren Sohn gar nicht mehr wieder, es ist wie ein Wunder! Wie oft hat sie das schon gehört, und doch berührt die Dankbarkeit der Eltern, wenn sich nach langer Leidenszeit der Zustand des Kindes zum Positiven verändert hat, sie jedes Mal aufs Neue. Manchmal bringen die Familien Hundekekse mit oder Kauknochen, einmal hat China ein selbst gewebtes Halsband bekommen, weiß mit roten Herzen, nicht unbedingt Finjas Geschmack, aber die Hündin trägt es wie einen Orden.
Jetzt liegt China zu ihren Füßen und schläft. Bei den erwachsenen Klienten reicht häufig bereits die Anwesenheit eines so offensichtlich tiefenentspannten Hundes aus, damit sie sich selbst entspannen können. Wer will, darf China ein Leckerchen füttern, die Dose steht auf dem Tisch. Es ist eine von vielen Möglichkeiten, mit dem Tier in Kontakt zu treten.
Finja zwingt sich, ihre Aufmerksamkeit wieder auf Sebastian Krüger zu lenken. Er ist groß und blond und die meisten Frauen würden ihn wohl als attraktiv bezeichnen. Bei seinem Aussehen könnte er sofort die Hauptrolle in einer dieser amerikanischen TV-Serien übernehmen, als Anwalt oder als engagierter Doktor in einer Ärztesoap. Finja faszinieren vor allem seine blassen Bernsteinaugen, der unglaublich intensive Blick. Würde er behaupten, Gedanken lesen zu können, würde sie sehr ernsthaft darüber nachdenken. Seine Art, sie anzuschauen, so als könnte er direkt in ihre Seele blicken und dort all ihre Geheimnisse ergründen, verunsichert sie ein wenig, und sie ertappt sich immer wieder dabei, seinem Blick auszuweichen.

 

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