Barbara Wendelken - Die stille Braut

Der dunkelste Winter seit 60 Jahren will einfach nicht enden, als der Fund einer jungen Frau die Ortschaft Martinsfehn erschüttert. Oberkommissarin Nola van Heerden, die gerade erst ihren Dienst wieder aufgenommen hat, übernimmt den Fall. Am Kreihenmeer, einer im Sommer sehr beliebten Freizeitanlage, haben Gemeindearbeiter die Tote entdeckt. Ein langes weißes Nachthemd, ein Blumenstrauß, ein Ehering und rote Rosenblätter lassen nicht nur Nola an eine Braut denken. Die Todesursache ist eine traurige Überraschung.

Sehr bald steht fest, dass die Tote vor vier Jahren spurlos aus einem Internat für Gehörlose verschwunden ist. Der damalige Ermittler, Oberkommissar Renke Nordmann, inzwischen Revierleiter in Martinsfehn, konnte den Fall nicht lösen. Ihn quält der Gedanke, dass er etwas Entscheidendes übersehen, vielleicht sogar einen Fehler gemacht haben könnte.

Nola stößt auf ein Netz aus Lügen und alten Geheimnissen. Sie ist überzeugt, dass einzig die junge Frau, die im Internat das Zimmer mit der Toten geteilt hat, ihr weiterhelfen kann. Doch Yasmina schweigt beharrlich, während es in Martinsfehn weitere Tote gibt ...

 

 


Leseprobe:

 Die Tote lag auf einer Bank, die unter dem Überdach des Kiosks stand. Von weitem hatte es den Anschein, als ob sie einfach nur schlief. Nola holte tief Luft und machte sich auf den Weg. Sie war davon überzeugt, dass der erste Eindruck des Tatorts, noch völlig unverfälscht von Tatsachen, scheinbaren Tatsachen und den Wahrnehmungen und Gedanken der Kollegen, einer der wichtigsten Momente einer Todesermittlung bedeutete und ging deshalb betont langsam, um alle Einzelheiten aufzunehmen. 

 Keine Anwohner und damit potentielle Zeugen, dachte sie und dass der Täter den Platz sehr klug gewählt hatte. Das hier war ein ruhiger, sehr friedlicher Ort, der etwas Heiles, Erhabenes ausstrahlte. Gleichzeitig verspürte Nola einen Hauch von Melancholie, weil die Anlage so verwaist wirkte, wie ein längst vergessenes Paradies. Das Wasser, der Strand, der in eine gepflegte Rasenfläche überging, im Hintergrund die hohen Bäume, Silberpappeln, wie es aussah, und darüber ein glasklarer Winterhimmel von beinahe durchsichtigem Grau. Selbst die Gebäude, die die Gemeinde Martinsfehn hatte errichten lassen, störten die Idylle nicht allzu sehr. Vor allem der Kiosk mit seiner annährend runden Form, den schmalen, hohen Sprossenfenstern und dem tief runtergezogenen Reetdach sah aus, als hätte er schon immer hier gestanden.

 Irgendwo keckerte ein Vogel, ein Eichelhäher oder eine Elster, als wollte er sich über die vielen Menschen beschweren, die seine Ruhe störte.

 Die Tote trug ein weißes, wadenlanges Gewand, scheinbar ein Nachthemd, mit breiten Trägern und einem viereckigen, mit Spitzen verzierten Ausschnitt. Warum auch immer fiel Nola sofort das Wort züchtig ein. Die Tote sah aus wie ein braves, anständiges Mädchen. Ihr Alter schätzte Nola auf Anfang zwanzig. Sie lag auf dem Rücken, die Augen waren geschlossen und die Hände unterhalb der Brust übereinandergelegt, aber nicht gefaltet. Sie war ungeschminkt und trug weder Schuhe noch Strümpfe. Ein Haarreifen, dicht besetzt mit weißen Plastikmargeriten und langen, gedrehten Seidenbändern, ebenfalls weiß, hielt ihr glattes, hellblondes Haar aus der Stirn, das so lang war, dass es bis auf den Boden herabfiel. Unter die Hände hatte jemand einen Strauß aus künstlichen Rosen geschoben, der billig wirkte und bei näherem Hinsehen eingestaubt. Ein Lederband mit einem winzigen, weißen Delfin, scheinbar aus Plastik, schmiegte sich eng an ihren Hals und an ihrem rechten Ringfinger steckte ein breiter, goldener Ehering. Über den Körper der Toten, die Bank und die Bodenplatten davor waren dunkelrote Blütenblätter verstreut und zu beiden Seiten der Holzbank brannten jeweils zwei Grablichter.

 

 

 Eine ausführlichere Leseprobe finden Sie auf der Homepage des Verlags:


http://www.piper.de/buecher/die-stille-braut-isbn-978-3-492-30706-2